September 21, 2017 | Log in
 
 

Konferenzteilnahme: Methodische Herausforderungen an den Grenzen der Sozialwelt

Bereits kurz nach Start des Graduiertenkollegs besuchten die beiden Mitarbeiter Kalja Kanellopoulos und Andreas Bischof, die sich im Teilbereich Kommunikation in ihren jeweiligen Tandems vor allem qualitativer sozialwissenschaftlicher Forschungsmethoden bedienen, die Frühjahrstagung der Sektion Methoden der qualitativen Sozialforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Die Tagung fand vom 13.-14. April 2012 an der Universität Mainz statt. In ihrem Tagungsbericht fassen beide die Inhalte des Kongresses im Folgenden zusammen, zudem gibt es für Interessierte hier einen Link auf das Tagungsprogramm:

Im Fokus der diesjährigen Frühjahrstagung der Sektion Methoden der qualitativen Sozialforschung der DGS standen die Grenzen der Sozialwelt und methodische Herausforderungen, mit denen sich Sozialwissenschaftler_Innen bei deren Erforschung konfrontiert sehen. Die Vorträge umrissen dabei thematisch ein Feld, das sich von der Interaktion zwischen menschlichen und technischen Akteuren sowie dem Tun gebauter Räume bis hin zur Interaktion mit Kranken[1] oder gar den eigenen Körperteilen[2] erstreckte. Jedem Vortrag folgte eine rege Diskussion. Im Folgenden werden die Kerninhalte der Tagung in knapper Form zusammengefasst, wobei die Schnittstellen zu Thematik und Problemstellung des Graduiertenkollegs im Vordergrund stehen.

Menschliche Handlungen sind stets tief eingebettet in technische und räumliche Artefaktkonstellationen. Eine adäquate Beschreibung des sozialen Umgangs mit Dingen oder Räumen erfordert dabei den Einbezug des Prozesses ihres Gebrauchs als einer Bündelung von Praktiken und materiellen Arrangements. Einigkeit herrschte darüber, dass technische Abläufe und das Tun materieller Arrangements vor allem in Fällen von Störungen der Interaktion bzw. in Fällen des ‚Nicht-Funktionierens‘ zu Tage treten. Dingwirkungen entfalten sich dabei in der Differenz zu menschlichen Intentionen und erfordern von den menschlichen Akteuren situative Anpassungen und Improvisationen. Häufig sind in diesem Zusammenhang interaktiv-experimentelle Formen der Nutzung zu beobachten, die auf implizitem Wissen basieren und im Gegensatz zu sprachlich vermittelter Interaktion meist haptischer oder visueller Natur sind. (Schubert) Technik kann jedoch auch interpersonale Kommunikation beleben, zur Interaktion einladen und damit eine Vermittlerfunktion zwischen menschlichen Akteuren einnehmen. (Matsuazaki)

Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt der Tagung lag in der Frage nach der Zuschreibung von Akteur-, Subjekt- oder Personenstatus. Entitäten wie technischen Artefakten – aber auch Menschen im Wachkoma oder Schwerdementen – einen bestimmten ontologischen Status zuzuweisen ist dabei in erster Linie zunächst ein Deutungsproblem für die Menschen, die mit derartigen Entitäten umgehen und interagieren. Zum anderen manifestiert sich jedoch hier auch für den Sozialforscher eine entscheidende Problematik, die großen Einfluss auf dessen Arbeit und Forschungsergebnisse hat. Verdeutlichen lässt sich dies etwa an den unterschiedlichen begrifflichen Fassungen von ‚Person‘, die den Vorträgen zu Grunde lagen: Ein durch die Bezogenheit auf andere gekennzeichneter Relationsbegriff (Kauppert) ermöglicht im Vergleich zu einem Substanzbegriff (Hitzler) einen komplexeren Begriff des Sozialen sowie die Frage nach der Art und Weise der Etablierung oder Suspendierung von sozialen Relationen. Dabei eröffnet sich die Möglichkeit der Differenzierung eines Spektrums an sozialen Relationen, die sich hinsichtlich ihrer Dichte unterscheiden. (Kauppert)

In Bezug auf methodische Herausforderungen für die Sozialwissenschaft wurde in den Vorträgen unter anderem problematisiert, dass die Situation häufig zu wenig Beachtung finde. (Reichertz/Wilz) Zudem sei gerade in der empirischen Technikforschung die Tendenz zur immer detaillierteren Untersuchung von Einzelfällen zu verzeichnen, an die dann anschließend Großtheorien ‚angebaut‘ und damit die mittlere Ebene[3] außer Acht gelassen werde. Audiovisuelle Aufzeichnungen dienten häufig nur der Verfeinerung und nicht dem Aufbau eines Korpus von Vergleichsfällen. (Schubert) Weiterhin könnten neben klassischer ethnographischer Feldforschung auch Experimentaldaten von Interesse sein und so etwa im Umgang mit ungewohnten Technologien bisherige Routinen der Techniknutzung und der Konstruktion des Gegenübers hervortreten lassen. (Schubert) Thematisiert wurden zudem Schwierigkeiten und Herausforderungen der Autoethnographie als sozialwissenschaftlicher Methode.

Konsens konnte in der Abschlussdiskussion darüber erzielt werden, dass die umstrittene Frage nach dem Vorrang von deutenden Sinnmachungen menschlicher Akteure (Reichertz/Wilz) oder einem schwächeren Handlungsbegriff, der auf einer analytischen (!) Symmetrisierung der an der Situation beteiligten Entitäten (z.B. Hirschauer) fußt, vor allem zwei methodologische Konsequenzen fordert: Die Erforschung sozialwissenschaftlicher Gegenstände an den Grenzen der Sozialwelt bedarf einer hohen Sensibilität für die eigene wissenschaftliche Beschreibungssprache (Wen machen wir durch unsere Grammatik zu handelnden Subjekten?) und einer Diskussion der Objektivitätskriterien, die an Erhebungsinstrumente angelegt werden (Was zeichnen Aufnahmegeräte auf / nicht auf?). Es wurde die Forderung nach einer neuen Beschreibungssprache gestellt, die es zum einen erlaubt zu aus sozialwissenschaftlicher Perspektive relevanten Forschungsergebnissen zu kommen (Strübing), zum anderen jedoch auch interdisziplinäre Zusammenarbeit und Verständigung ermöglicht (Hitzler). Dies schließt sowohl die Offenheit für nicht-menschliche Aktivität (Hirschauer) als auch die Notwendigkeit einer Neuaushandlung dessen mit ein, was ‚sinnhaft‘ bedeutet (Reichertz).

 


[1] Konkret: Menschen im Wachkoma; Menschen mit Demenz im fortgeschrittenen Stadium

[2] am Beispiel des Ballet-Trainings

[3] Bspw. in Form von Techniktypologien